Traumapädagogik & traumazentrierte Fachberatung
Pädagogische Praxis findet heute in einer Welt statt, die von tiefgreifenden gesellschaftlichen, politischen und technologischen Umbrüchen geprägt ist. Kriegerische Auseinandersetzungen, Flucht- und Vertreibungserfahrungen, zunehmende soziale Polarisierung, autoritäre politische Entwicklungen, strukturelle Gewalt sowie die rasante Transformation durch digitale und künstliche Intelligenz prägen die Lebenswelten von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in bisher unbekanntem Ausmaß. Gleichzeitig werden Formen sexualisierter Gewalt, Vernachlässigung und Machtmissbrauch sichtbarer, die lange gesellschaftlich verdeckt oder relativiert wurden.
Menschen, die beruflich in pädagogischen, sozialen und beratenden Feldern tätig sind, erleben dadurch eine deutliche Verschiebung ihres Arbeitsalltags. Pädagogische Situationen sind zunehmend von Eskalation, Ohnmacht, Überforderung und existenzieller Verunsicherung geprägt. Der Anspruch, Pädagogik als Ort von Beziehung, Vertrauen, Entwicklung und Bildung zu gestalten, wird immer häufiger durch die Notwendigkeit abgelöst, akute Gefährdungen zu begrenzen und Retraumatisierungen zu vermeiden.
Der Begriff „Trauma“ bezeichnet in diesem Zusammenhang nicht mehr nur ein individuelles Geschehen, sondern verweist auf komplexe Wechselwirkungen zwischen individuellen Erfahrungen, institutionellen Rahmenbedingungen und gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Traumapädagogik steht damit vor der Aufgabe, pädagogisches Handeln in hochbelasteten, oft widersprüchlichen Feldern neu zu denken.
An diese Realität richtet sich der vorliegende Lehrgang.
Er wendet sich an Fachkräfte, die in ihrem beruflichen Alltag mit Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen arbeiten, die direkt oder indirekt von traumatisierenden Erfahrungen betroffen sind, und die erleben, dass ihre eigene Professionalität dabei zunehmend an Grenzen gerät. Zugleich richtet sich der Lehrgang an Pädagog*innen und Berater*innen, die ihre fachliche Haltung vertiefen, ihre Handlungssicherheit erweitern und ihre eigene Belastbarkeit stärken möchten.
Die Leiter*innen des Lehrgangs, die seit vielen Jahren in traumapädagogischen, therapeutischen und wissenschaftlichen Kontexten tätig sind, laden die Teilnehmer*innen ein,
- ihre eigenen Praxiserfahrungen in einem geschützten Rahmen zu reflektieren,
- tragfähige, realistische Möglichkeiten traumasensiblen pädagogischen und beratenden Handelns zu entwickeln,
- aktuelle Erkenntnisse der Psychotraumatologie, Traumapädagogik und traumazentrierten Fachberatung kennenzulernen und kritisch einzuordnen,
- und diese Erkenntnisse konsequent auf die konkreten Situationen ihres jeweiligen Arbeitsfeldes zu beziehen.
Ziel des Lehrgangs ist es nicht allein, fachliches Wissen zu vermitteln, sondern einen gemeinsamen Lern-, Reflexions- und Entwicklungsraum zu eröffnen, der über den formalen Abschluss hinaus wirksam bleiben kann. Das während des Lehrgangs entstehende professionelle Netzwerk soll den Teilnehmer*innen auch langfristig als Ressource für kollegialen Austausch, fachliche Orientierung und Selbstfürsorge dienen.
Curriculum:
Traumapädagogische Qualifizierung muss sowohl psychotraumatologisches Grundlagenwissen vermitteln als auch die Fähigkeit fördern, pädagogische Beziehungen, institutionelle Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Kontexte reflektiert zu gestalten.
Der Zertifikatslehrgang „Traumapädagogik und traumazentrierte Fachberatung“ orientiert sich daher an den Mindeststandards der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT) und des Fachverbands Traumapädagogik (FVTP) und strebt perspektivisch eine entsprechende Zertifizierung an.
Gleichzeitig setzt der Lehrgang inhaltliche und didaktische Akzente, die über die formalen Mindestanforderungen hinausgehen:
- Traumapädagogik wird konsequent als Arbeit an Beziehungs- und Zwischenräumen verstanden.
- Pädagogische Fachkräfte werden nicht nur als Helfende, sondern als Teil des traumatischen Feldes reflektiert.
- Institutionelle, organisationale und gesellschaftliche Bedingungen werden systematisch in das Fall- und Praxisverstehen einbezogen.
- Theorie, Selbsterfahrung, Praxisreflexion und Fallarbeit sind didaktisch eng miteinander verschränkt.
Diese Prinzipien bilden die Grundlage für die nachfolgenden curricularen Module, in denen psychotraumatologisches Wissen, traumapädagogische Haltung und konkrete Handlungskompetenz miteinander verbunden werden.
Aufbau:
1. Modul „Basiswissen“ (15 UE)
1.1 Geschichte der Psychotraumatologie
1.2 Position der Pädagogik
1.3 Ergebnisse der Grundlagenforschung
1.4 Traumazentrierte Arbeitsfelder, Berufsbilder und Zielgruppen
1.5 Multidimensionalität von Trauma – Interdisziplinarität der Behandlung
1.6 Traumapädagogische Menschenbilder und sozioökonomische Kontextualisierungen
Dieses Modul vermittelt grundlegende Orientierungs- und Bezugsrahmen der Traumapädagogik und traumazentrierten Fachberatung. Die Teilnehmer*innen erhalten einen Überblick über die Geschichte der Psychotraumatologie, zentrale Ergebnisse der Grundlagenforschung sowie über traumazentrierte Arbeitsfelder, Berufsbilder und Zielgruppen. Besonderes Augenmerk liegt auf der Positionierung pädagogischen Handelns im interdisziplinären Feld von Psychologie, Psychotherapie und Sozialer Arbeit sowie auf der gesellschaftlichen und sozioökonomischen Kontextualisierung traumatischer Erfahrungen. Theorie und Praxis werden von Beginn an miteinander verschränkt.
2. Modul „Landschaft der Fachbegriffe“ (15 UE)
2.1. Differenzialdiagnostisches Basiswissen
Trauma-Misshandlung-Missbrauch-Vernachlässigung-Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)-Komplexe posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS)
2.2. Trauma
Dieses Modul dient der begrifflichen Klärung und Differenzierung zentraler traumabezogener Konzepte. Behandelt werden unterschiedliche Traumaformen, Entstehungszusammenhänge, zeitliche Verläufe sowie individuelle, relationale und gesellschaftliche Dimensionen von Traumatisierung. Die Teilnehmer*innen lernen, diagnostische Kategorien kritisch einzuordnen und Feld-, System- und Intersektionalitätsperspektiven in ihr Fallverstehen zu integrieren. Ziel ist es, sprachlich wie fachlich sicher zwischen Beschreibung, Erklärung und pädagogischer Handlungsperspektive unterscheiden zu können.
3. Modul „Traumafolgen“ (15 UE)
3.1. Dissoziation
3.2. Intrusionen
3.3. Komorbidität
3.4. Theorie-Praxis-Transfer
Im Mittelpunkt dieses Moduls stehen die vielfältigen Folgen traumatischer Erfahrungen. Thematisiert werden insbesondere Dissoziation, Intrusionen sowie häufige komorbide Belastungen. Die Teilnehmer*innen entwickeln ein vertieftes Verständnis dafür, wie traumatische Erfahrungen Wahrnehmung, Verhalten, Beziehungsgestaltung und Lernprozesse beeinflussen können. Anhand praxisnaher Beispiele wird erarbeitet, wie traumabezogene Reaktionen im pädagogischen Alltag erkannt, eingeordnet und ohne Pathologisierung bearbeitet werden können.
4. Modul „Traumabewältigungsstrategien (InnenóAußenóZwischen)“ (15 UE)
4.1. Sichere Orte
4.2. Partizipation
4.3. Stabilisierung
4.4. Selbstbemächtigung (Wilma Weiß), Selbstermächtigung/Handlungsfähigkeit/Widerstand/Agency (Foucault, Butler), Selbstwirksamkeit/Selbstregulation, Empowerment/ Self-Empowerment (Zimmerman)
4.5. Teilearbeit (Parts, Ego States & Co)
4.6. Weitere Traumabehandlungsansätze (NET, EMDR, Pharmakotherapie, STAIR und DBT-P) und Grenzbereiche zwischen Psychotherapie und Pädagogik
4.7. Theorie-Praxis-Transfer
Dieses Modul widmet sich zentralen Strategien traumapädagogischer Stabilisierung und Bewältigung. Ausgehend von der Unterscheidung zwischen inneren, äußeren und relationalen Ebenen werden Möglichkeiten sicherer Orte, Partizipation, körperlicher, sozialer und psychischer Stabilisierung sowie Affektregulation erarbeitet. Unterschiedliche Konzepte von Selbstbemächtigung, Selbstermächtigung und Empowerment werden kritisch reflektiert. Zudem werden Teilearbeit sowie ausgewählte traumatherapeutische Ansätze in ihrer Bedeutung für pädagogisches Handeln eingeordnet und klar von Psychotherapie abgegrenzt.
5. Modul „Prävention, Resilienz, Salutogenese“ (15 UE)
5.1. Traumapädagogisches Arbeiten als Leitbild pädagogischer Alltagsgestaltung
5.2. Selbstwirksamkeitsstärkung, Selbstfürsorge und korrigierende Erfahrungen durch traumasensibles Arbeiten
5.3. Theorie-Praxis-Transfer
Dieses Modul fokussiert traumapädagogisches Arbeiten als präventiven Ansatz pädagogischer Alltagsgestaltung. Die Teilnehmer*innen setzen sich mit Konzepten von Resilienz, Salutogenese und Selbstwirksamkeit auseinander und reflektieren, wie traumasensibles Handeln korrigierende Erfahrungen ermöglichen kann. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf Selbstfürsorge, professioneller Abgrenzung und der Stärkung eigener Ressourcen, um langfristig handlungsfähig zu bleiben und sekundärer Traumatisierung vorzubeugen.
6. Modul „Grundelemente traumapädagogischer Arbeit“ (15 UE)
6.1. Traumasensible Haltung
6.2. Ausrichtung auf das Wechselspiel zwischen „Innen“ (Psychodynamik), „Außen“ (institutionelle und gesellschaftliche Dynamiken) und das „Zwischen“ („Soziodynamik“).
6.3. Gewahrsein institutioneller, gesellschaftlicher, professionsgebundener Möglichkeiten und Grenzen
6.4. SelbstfürsorgeóFremdfürsorge
6.5. Theorie-Praxis-Transfer
Dieses Modul vertieft die traumasensible Haltung als zentrales Fundament pädagogischen Handelns. Im Fokus steht das bewusste Zusammenspiel von inneren psychodynamischen Prozessen, äußeren institutionellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sowie den dazwischenliegenden Beziehungs- und Interaktionsräumen. Die Teilnehmer*innen reflektieren professionelle Rollen, Möglichkeiten und Grenzen sowie die Bedeutung von Selbst- und Fremdfürsorge. Ziel ist es, traumapädagogisches Handeln als kontinuierlichen reflexiven Prozess zu verstehen.
7. Modul „Vertiefung der Schwerpunkte“ (60 UE)
7.1. Vertiefung Theorien und Handlungsfelder der Traumapädagogik, einschlägige Fallarbeit, Reflexion (30 UE)
7.2. Vertiefung Theorien und Handlungsfelder der Traumazentrierten Fachberatung, einschlägige Fallarbeit, Reflexion (30 UE)
7.3. Theorie-Praxis-Transfer
In diesem Modul werden die beiden Schwerpunkte Traumapädagogik und Traumazentrierte Fachberatung vertieft. Die Teilnehmer*innen arbeiten anhand einschlägiger Fallbeispiele an der Anwendung theoretischer Konzepte in unterschiedlichen Handlungsfeldern. Reflexion, kollegialer Austausch und Theorie-Praxis-Transfer stehen im Mittelpunkt. Das Modul ermöglicht eine klare Profilbildung im jeweiligen Schwerpunkt und unterstützt die Entwicklung einer professionellen, kontextsicheren Handlungskompetenz.
8. Modul „Selbsterfahrung und Supervision“ (30 UE)
8.1. Selbsterfahrung (6 UE)
8.2. Supervision (24 UE)
Dieses Modul bietet Raum für persönliche Reflexion und professionelle Fallbesprechung. In der Selbsterfahrung setzen sich die Teilnehmer*innen mit eigenen Reaktionsmustern, Belastungen und Ressourcen auseinander. Die Supervision dient der vertieften Bearbeitung konkreter Praxissituationen aus traumapädagogischen und beratenden Kontexten. Ziel ist es, emotionale Entlastung, fachliche Klarheit und nachhaltige Handlungsfähigkeit im beruflichen Alltag zu fördern.
Das Curriculum umfasst insgesamt 180 UE und erfüllt damit die Qualifikationsbedingungen der DeGPT und der FVTP für den Doppelabschluss in Traumapädagogik und Traumazentrierter Fachberatung. (Exklusive Selbststudium)
Termine:
Der Lehrgang ist zweisemestrig angelegt, die Termine werden im Laufe von 12 Monaten in 8 Wochenendterminen á 15 UE vor Ort in Präsenz und 12 Abendterminen á 5 UE online durchgeführt.
Termine finden Sie unter dem Reiter „Termine“
Zugangsbedingungen
Der Lehrgang richtet sich an alle Personen, die mit verschiedenen Formen von Traumatisierungen konfrontiert sind und in psychosozialen Handlungsfeldern traumasensibel und pädagogisch kompetent arbeiten wollen.
Abschluss des Lehrgangs
- Projektarbeit – Durchführung eines traumapädagogischen Praxisprojektes im individuellen pädagogischen Arbeitsumfeld
- Präsentation der Projektarbeit, inkl. schriftlicher Dokumentation
- Abschlussgespräch
Standort
Kosten
€ 3290.-
Lehrgangsleiter
Univ.-Prof. Dr. phil. Thomas Stephenson
Individualpsychologischer Psychotherapeut, Habilitierter Pädagoge und Bildungswissenschaftler, Klinischer Psychologe. Universitätsdozent für Psychoanalytische Pädagogik und Sonder- und Heilpädagogik am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien, Universitätsprofessor für Psychotherapiewissenschaft an der SFU Wien. Departmentleiter Psychotherapiewissenschaft an der SFU Linz, Lehranalytiker und Leitungsmitglied im Fachspezifikum Individualpsychologie an der SFU Wien und Linz.
Schwerpunkt der Lehre: Bildungs-, Entwicklungs- und Prozessforschung, Partizipative Hochschuldidaktik, Relationale Psychotherapie und Pädagogik, Psychoanalytische Pädagogik, Traumapädagogik, Interdisziplinarität im Überschneidungsbereich von Psychotherapie, Pädagogik und Psychologie
Die Termine folgen…
Syllabus
Die Einheiten finden jeweils Montag - Donnerstag: 18:00 - 21:30 Uhr & Samstag (einige Termine): 9:00 - 16:00 Uhr statt. Den genauen Stundenplan erhalten Sie nach einem erfolgreichen Aufnahmegespräch per Mail.
Bewertungen
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